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7. Dezember 2017

Was soll der Zeitdruck im Marketing, wenn niemand ihn haben will?

zeitdruck im marketing

In gut zwei Wochen ist Weihnachten. Die Zeit der Einkehr, Ruhe und Besinnlichkeit. Zumindest in der Theorie.

Denn schon in der Vorweihnachtszeit schreit uns von sämtlichen Plakaten und jedem Bildschirm jemand entgegen: „Hast Du schon alle Geschenke zusammen? Jetzt ist’s höchste Zeit!“, „XY nur noch heute erhältlich!“ und „Sofort zugreifen, bevor es zu spät ist!“ Weihnachten ist in unserer Realität nicht besinnlich, sondern eine Konsumschlacht. Und eine hektische noch dazu.

Zeitdruck im Marketing

Denn es geht nicht einfach nur darum, viel zu kaufen. Es geht darum, schnell zu kaufen. Termine einzuhalten. Jetzt zuzuschlagen, weil sonst diese einmalige Chance für immer vorüber ist.

Ich finde das anstrengend. Es hat mich schon als Kind genervt, wenn ich beim Schuhe zubinden nicht träumen durfte, sondern angeherrscht wurde, mich zu beeilen. Und heute ist es nicht anders. Es nervt mich, wenn mich jemand antreibt. Und sei es nur zum Kauf eines möglicherweise schönen Produkts. Es fördert einen kindlichen Trotz in meinem Kopf zutage, der leise sagt: „Nö. Dann eben nicht.“

Besonders knapp ist die Zeit im Online-Marketing

Im Marketing, besonders im Online-Marketing, ist dieser permanente Druck nicht nur in der Weihnachtszeit an der Tagesordnung. Statt dessen heißt es das ganze Jahr über, bloß keine Zeit zu verlieren: Bei den allgegenwärtigen Challenges und ihren obligatorischen Verkaufsphasen direkt im Anschluss, bei irgendwelchen Online-Kursen, die es „in dieser Form nie wieder“ geben wird, manchmal sogar schon bei einer Newsletter-Anmeldung, nach der ich „nur 24 Stunden“ Zeit habe, ein Produkt für einen einmalig günstigen Preis zu kaufen.

Ständig Zeitdruck aufzubauen, ist einer dieser Ratschläge, die wir alle schon so oft gehört haben, dass wir sie gar nicht mehr hinterfragen.

Noch ein zu hinterfragender Marketing-Ratschlag

Du musst deine Komfortzone verlassen!

Keine Frage: Der Ratschlag ist durchaus nachvollziehbar, denn er funktioniert. Doch das Problem ist, dass er zwar kurzfristig funktioniert, langfristig aber einen schalen Nachgeschmack hinterlässt. Für alle Beteiligten.

Solo-Unternehmer wollen nicht aufdringlich sein

Auf der Seite der Anbieter ist der Zeitdruck ein Grund dafür, dass sich viele mit ihrem Marketing so unwohl fühlen. Ich kenne unzählige Solo-Unternehmer, die sich im Marketing aufdringlich vorkommen. Sie fühlen sich, als würden sie ihren Kunden etwas aufdrücken. Und wenn die Kunden dann tatsächlich kaufen, haben einige Solo-Unternehmer sogar ein schlechtes Gewissen, denn sie sind sich nicht mehr sicher, ob der Kunde bei so viel Druck wirklich freiwillig gekauft hat.

Kunden mögen keinen Druck im Marketing

Auch die Kunden mögen keinen Druck im Marketing. Sie fühlen sich manipuliert und zum Kauf gedrängt. Sie fragen sich, was der Grund für diese Eile ist: Sollen sie gar nicht länger über den Kauf nachdenken? Hält das Produkt wirklich das, was es verspricht? Oder etwa nicht? Wenn diese Fragen vom Kunden nicht bewusst gestellt werden, bleibt zumindest das Gefühl, nicht frei entscheiden zu können.

Künstlicher Zeitdruck

Nur, um es deutlich zu machen: Es ist nichts grundsätzlich Falsches an Dringlichkeit. Es gibt Programme, die zu einem bestimmten Termin beginnen. Physische Angebote sind nicht unbegrenzt vorhanden. Das alles ist wahr. Wer bei der Wahrheit bleibt, macht nichts Falsches, Termine zu setzen oder Plätze zu begrenzen. Aber wer eine zeitliche Dringlichkeit oder die Begrenzung der Verfügbarkeit nur einsetzt, um Kunden zum Kauf zu drängen, der ist nicht wahrhaftig, sondern der lügt.

Jeder Solo-Unternehmer soll selbst entscheiden, wie er sein Business führen will. Ich für mich habe entschieden, dass ich einen solchen Stress in meinem Marketing nicht haben will. Weder für mich, noch für meine Kunden. Deshalb wird es bei mir keinen künstlichen Zeitdruck geben. Und das gilt nicht nur für Weihnachten, sondern für das ganze Jahr.

2 Comments on “Was soll der Zeitdruck im Marketing, wenn niemand ihn haben will?

Angelika Färber
12. Dezember 2017 um 15:00

Toller Beitrag! Als Konsument diverser Online-Angebote kann ich das absolut nachempfinden und fühle mich auch oft genervt davon. Auch habe ich schon das eine oder andere gekauft, weil ich mich dazu habe drängen lassen, was mich im Nachhinein sehr ärgert.

Aus Unternehmersicht kann ich aber ebenfalls verstehen, warum das so gemacht wird. Das Prinzip der Verknappung funktioniert und so ticken wir Menschen halt – wenn wir wissen, dass es ein Angebot immer gibt, dann sagen wir uns, ist ja noch Zeit und kaufen vielleicht nie…
Deshalb würde mich interessieren, wie sind deine Erfahrungen aus Unternehmersicht?

Viele Grüße
Angelika

Antworten
Jana
12. Dezember 2017 um 15:26

Vielen Dank für Dein Feedback, Angelika! Ja, die Zeitverknappung funktioniert. Aber sie ist und bleibt ein Druckmittel und führt zu einem Ungleichgewicht in der (Kunden-)Beziehung. Ich will das in meinem Business nicht haben: ich will meine Kunden nicht drängen, und ich will auch nicht, dass sie sich gedrängt fühlen. Deshalb verknappe ich die Zeit nicht. Möglicherweise könnte ich mehr verkaufen, wenn ich es täte. Aber so arbeite ich mit Kunden zusammen, die das wirklich wollen. Und das ist mir mehr wert! 🙂

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